Deutschland

Ein Fazit: Mein Jakobsweg in Deutschland

Landschaft

Rhein-Main-Gebiet

Die Landschaft im Rhein-Main-Gebiet ist vor allem durch Streuobstwiesen und sehr viel Industrie geprägt. Berge sucht man hier vergebens wodurch die Laufstrecke eher wenige Höhenmeter beinhaltet. Lediglich am Horizont kann man manchmal die Berge der angrenzenden Gebirge erkennen wie z.B. Taunus, Spessart oder Odenwald. Orientierung bietet vor allem der Main, der auf Höhe von Frankfurt bereits ein mächtiger Fluss ist.

Obstwiesen, Industrie und alles, wie mit dem Lineal gezogen.

Die Fauna ist hier allerdings etwas beschränkt. Auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche sieht man nur wenige Insekten und gelegentlich einzelne Feldhasen, während die Flussufer vor allem von Gänsen (Nilgänse, Kanadagänse, Graugänse) beherrscht werden. Letztere werden für die heimische Natur und für die Städte ein immer größeres Problem.

Eine Graugans-Familie am Mainufer. In Frankfurt entwickeln sie sich aber mittlerweile zur Plage.

Rhein und Mosel

Sowohl am Rhein als auch an der Mosel grenzt das Flusstal vor allem an steile Hänge und Klippen. Da aber die meisten Städte und Dörfer am Fluss erbaut wurden, hat das zur Folge, dass der Jakobsweg immer wieder extreme Auf- und Abstiege beinhaltet. An den Hängen selbst findet man vor allem Wälder und Weinberge, während die Höhenplateaus vor allem als Äcker und Felder genutzt werden.

An den Steilhängen sieht man immer wieder Wälder und Wein.
Die flacheren Höhenzüge können gut für Landwirtschaft genutzt werden.

In den Bergen begegnet man auch vielen Tieren. In den lichten Wäldern trifft man unzählige Insektenarten und immer wieder prächtige Hornissen. Fußspuren im Schlamm haben auch darauf hingewiesen, dass sich wohl unzählige Rehe und auch Wildschweine sowie gelegentliche Waschbären durch die Wälder treiben. In den großen, schattenlosen Weinbergen habe ich neben weiteren Insekten vor allem viele Reptilien wie Mauereidechsen und Schlangen angetroffen. Ich hatte sogar das Glück, einer wunderschönen Schlingnatter über den Weg zu laufen.

Eine wunderschöne Schlingnatter auf meinem Weg.

Kultur

Da ich selbst in Deutschland lebe, habe ich auch keinen großen Kulturschock auf dem deutschen Jakobsweg erlebt. Dennoch konnte ich auf meinem Weg einiges dazulernen und regionale Eigenheiten erfahren.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich nie ein Weintrinker war, geschweige denn Ahnung von Wein hatte. Umso interessanter war es, Tag für Tag Neues über Weinanbau zu lernen. Sowohl wie der Weinanbau in heutiger Zeit aussieht als auch über die Geschichte des Weinanbaus in dieser Region. Ich durfte miterleben, wie Weinberge gepflegt werden, habe gelernt was eine Straußwirtschaft* ist, weiß nun, wie deutsche Weinberge strukturiert und organisiert sind und habe erfahren, dass selbst Kliniken und Krankenhäuser ihren eigenen Wein anbauen und produzieren. Und schlussendlich habe ich an der Mosel sogar Wein gefunden, der mir schmeckt.

Auch Krankenhäuser keltern ihren eigenen Wein.
Wer hätte erwartet, dass ich Mal freiwillig Wein trinken würde und es auch noch genießen könnte? Ich bestimmt nicht.

*Der Begriff wurde mir an der Mosel von einer Anwohnerin wiefolgt erklärt:

Eine Straußwirtschaft ist eine besondere Form von Lokal, die den Winzern vorbehalten ist. dort können Weine aus eigener Produktion verkauft werden, allerdings unter bestimmten Bedingungen:

1. An alkoholischen Getränken dürfen ausschließlich die eigenen Weine verkauft werden, kein Bier oder fremde Weine. Allerdings können ergänzend alkoholfreie Getränke wie Softdrinks, Säfte oder Wasser angeboten werden.

2. An Essen dürfen keine vollständigen Menüs angeboten werden, allerdings können kleine Platten, Snacks oder einfache Gerichte serviert werden.

3. Eine Straußwirtschaft darf nur vier Monate im Jahr geöffnet sein. Dabei steht es den Inhabern frei zu entscheiden, wie diese vier Monate verteilt werden. So kann eine Straußwirtschaft beispielsweise vier Monate am Stück geöffnet sein zweimal zwei Monate oder über das ganze Jahr an nur wenigen Wochentagen. Wichtig ist nur, dass die Summe vier Monate nicht überschreitet.

Und um bei so vielen unterschiedlichen Öffnungszeiten zu erkennen zu geben, ob eine Wirtschaft offen oder zu ist, wird bei einem geöffneten Lokal ein Strauß an die Hausfassade oder Tür gehängt. Daher kommt auch der Name Straußwirtschaft. Analog werden in anderen Teilen Deutschlands Besen an das Haus gehängt, so dass in anderen Regionen der Begriff Besenwirtschaft geläufig ist.

Jakobsweg und Pilger

Der Jakobsweg scheint in Deutschland sehr populär zu sein und ist den meisten Menschen ein Begriff. Und auch die Wanderwege und Routen sind meist gut ausgeschildert. Da sich der Jakobsweg in Deutschland aber oft mit anderen Wanderrouten deckt, kann es sein, dass man manchmal auf andere Markierungen ausweichen muss. Zwischen Fulda und Mainz sind Jakobsweg und Bonifatiusroute identisch. Zwischen Mainz und Bingen muss man darauf achten, den richtigen Jakobsweg zu erwischen, da hier sowohl eine Ost-West-Route nach Trier, als auch eine Nord-Süd-Route nach Worms verläuft. Am Mittelrhein entsprechen der linksrheinische und der rechtsrheinische Camino dem Rhein-Burgen-Weg bzw. dem Rheinsteig. Auch diese beiden sind als solche stets gut markiert. Und schließlich den Mosel-Camino kann man wirklich nicht verfehlen. Hier wird man geradezu mit Wegmarkierungen bombardiert.

Bei den Wegbeschaffenheiten und Laufbedingungen hatte ich leider nicht so ein Glück. Während ich zu Beginn die ewig langen, schattenarmen Wege bei praller Sonne und sommerlichen Verhältnissen zurücklegen musste, verwandelte der folgende fast tägliche Regen die Steilhänge an Rhein und Mosel in rutschige, matschige Härtetests.

Im ewig flachen und schattenlosen Rhein-Main-Gebiet wurde ich bereits Anfang Mai von sommerlichen Temperaturen heimgesucht.
Bei Regen machen die schlammigen Hänge wirklich keinen Spaß.

Zumindest hatte ich keine Schwierigkeiten mit der Suche nach Unterkünften, da vor allem an Rhein und Mosel der Tourismus sehr ausgeprägt ist. Deshalb stellte auch die Lebensmittelbeschaffung kaum Probleme dar.

Was ich an der Mosel besonders erfreulich fand war, dass die Wegmarkierungen teilweise in Kooperation mit einem Naturschutzbund angebracht waren, sodass man die gelben Muscheln nicht gerade selten an Insektenhotels, Vogelnistkästen und Fledermausquartieren gesehen hat.

Ich habe in Deutschland nur eine einzige andere Pilgerin getroffen. Dennoch scheinen Pilger trotzdem keine Seltenheit zu sein. Vor allem an der Mosel sind Anwohner Pilger anscheinend schon gewohnt. Man bekommt vielerorts schöne Pilgerstempel, begegnet viel Hilfsbereitschaft und erfährt als Pilger einige Vorzüge, wie z.b kostenlosen Eintritt zur Burg Eltz.

Persönliches

Anfangs musste ich mich erst wieder an das Laufen gewöhnen. Vor allem in der ersten Woche wechselten sich sämtliche Schmerzen ab. Taten mir am ersten und zweiten Tag noch die Knöchel weh war es am dritten Tag der Rücken und am vierten die Knie. Und wenn man dann dachte, man hatte das Gröbste durch, tat plötzlich die Hüfte weh und ich entdeckte wunde Stellen an meinen Füßen. Außerdem hatte ich zunehmend Probleme mit brennenden Fußsohlen und tauben Zehen. Etwas Recherche im Internet hat aber ergeben, dass es wohl auf einen Durchblutungsproblem zurückzuführen war. Und das war der Tag, an dem ich aufgehört habe, meine Schuhe zu binden. Gamechanger! Die Schmerzen in den Fußsohlen und das Taubheitsgefühl in den Zehen haben sich tatsächlich deutlich gebessert.

Lediglich meine Knie schmerzten und ächzten noch bei jedem steilen Abstieg, den ich an Rhein und Mosel zu bewältigen hatte. Umso dankbarer war ich für meine Wanderstöcke, denn ich möchte mir nicht ausmalen, welche Schmerzen ich ohne sie gehabt hätte und wie oft ich ausgerutscht und gestürzt wäre. Diese Dinger sind Gold wert!

Wie während der Vorbereitungen bereits vermutet, haben die Innensohlen meiner Schuhe nicht lange durchgehalten, so dass ich die alten in die Tonne treten konnte und die neuen einweihen durfte.

Zum Direktvergleich die alten, bereits durchlöcherten Innensohlen (links) neben den nagelneuen (rechts).

Auf meiner Reise durch Deutschland hatte ich ein Stimmungstief einstecken müssen, aber das war okay. Sowas gehört zum Pilgern leider auch dazu. Wichtig ist am Ende nur, dass man sein Ziel nicht aus den Augen verliert und weiterläuft.

In Deutschland zurückgelegte Strecke: ca. 347 km

(Zum Schutz meiner eigenen Privatsphäre habe ich die erste Etappe nicht in die Übersichtskarte eingebunden.)

Ein Kommentar

  • Andrea

    Ich freue mich Dich auf diesem Weg begleiten zu dürfen.
    Noch lässt es die Selbständigkeit nicht zu aber gewiss werde ich in ein paar Jahren auch auf Pilgerwegen unterwegs sein.
    Du schreibst in angenehmen Worten, ich bin gespannt auf die weiteren Bilder und Berichte.
    Herzlichen Gruß nach unterwegs 🍀
    Andrea

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