Finnland

Zusammenspiel von Mensch und Rentier

Wenn man an den verschneiten Norden Skandinaviens im Winter denkt, hat vermutlich jeder relativ schnell ein Bild von Rentieren vor seinem inneren Auge. Und sei es auch nur klischeemäßig als Zugtiere vor dem fliegenden Schlitten des Weihnachtsmanns. Tatsache ist aber, dass Rentiere aus Lappland gar nicht wegzudenken sind und sie eine sehr große Rolle in ihrem Ökosystem spielen.
Deshalb war es für uns selbstverständlich, dass wir uns auf unserer Finnlandreise auch mit diesen wunderschönen Tieren beschäftigen wollten.

Die Begegnung mit Rentieren war absoluter Punkt 1 auf meiner To-Do-Liste für Lappland. Und ich wurde definitiv nicht enttäuscht! Ich habe mich nur noch mehr in diese wundervollen Tiere verliebt 🙂

Unsere Schlittenfahrt durch die Nacht

Kaum haben wir den ersten nächtlichen Ausflug hinter uns gebracht, stand schon wieder die nächste Tour an. Und wie könnte man Finnlands Natur und vor allem Finnlands Rentiere besser kennenlernen als mit einer Fahrt im Rentier-Schlitten!

Die Dunkelheit hat es mir erneut verwehrt, gescheite Fotos von unserem Erlebnis aufzunehmen, aber das heißt natürlich bei Weitem noch nicht, dass der kleine Ausritt nicht eine besondere Erfahrung gewesen wäre.
Wie schon am Tag zuvor haben wir uns in Rovaniemi mit einer kleinen Gruppe zusammengefunden und sind anschließend mit dem Bus zu einer Rentier- und Huskyfarm namens Raitola gefahren, die etwa 12 km außerhalb der Stadt liegt.
Dort angekommen wurde nicht lange gefackelt und in kürzester Zeit wurden die Rentierschlitten startklar gemacht und die Teilnehmer auf die Gefährte verteilt – immer zwei Personen pro Schlitten/Rentier. Nach einer kleinen “Vorstellungsrunde”, in der uns die Namen der Tiere mitgeteilt wurden, ging es auch schon los.

Die Rentiere lassen sich bereitwillig vor die Schlitten spannen.

Unser tierischer Fahrer für den Abend hieß Maito (das finnische Wort für “Milch”) und sehr schnell wurde uns klar, dass wir wohl das verspielteste und eigensinnigste Rentier der ganzen Herde abbekommen haben. Während alle anderen Tiere im dunklen Wald brav der Karawane folgten, hat sich Maito weniger für den vorgegebenen Pfad, sondern mehr für den kompletten Rest des dunklen Waldes interessiert. Seine Aufmerksamkeit ist ständig zu den Seiten gewandert und nicht selten mussten wir mit all unserem Gewicht dagegen arbeiten, damit unser Schlitten nicht umgekippt, wenn Maito wieder mal der Meinung war, über die angestapelten Schneehaufen den Pfad verlassen zu müssen.

Aber versteht mich nicht falsch – es war grandios! Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr raus und ich bezweifle, dass auch nur irgendein anderes Paar an dem Abend so einen Spaß mit seinem Rentier hatte wie wir.

Unser Ausblick für die gesamte Schlittenfahrt: Maitos plüschiger Rentierhintern!

Als wir unsere Schlittenrunde nach etwa einer Stunde beendet haben, sind wir allesamt in eine gemütliche Kota eingekehrt und haben uns an heißem Beerensaft und Zimtschnecken gestärkt. Dann hat jeder von uns (mit Augenzwinkern) einen “Rentierführerschein” ausgehändigt bekommen und wir durften abschließend einem kurzweiligen und hoch interessanten Vortrag über Rentiere lauschen. Diesen werde ich selbstverständlich nicht in seinem vollen Umfang rezitieren können, aber dennoch möchte ich die faszinierendsten Informationen mit euch teilen.

Finnische Zimtschnecken und heißer Beerensaft – der perfekte Snack, wenn man aus der Kälte wieder ins Warme kommt.

Wusstest ihr, dass…

…Rentiere jedes Jahr ihr Geweih verlieren?

Man sieht in Finnland Unmengen an Souveniren und Dekorationen aus Rentiergeweihen, die darauf schließen lassen könnten, dass viele Tiere ihr Leben dafür geben mussten. Aber das ist ein Trugschluss! Jedes Jahr werfen Rentiere ihr Geweih ab – Männchen im späten Herbst bis Winter, Weibchen im Frühling, – was wiederum bedeutet, dass das Geweih jedes Jahr aufs Neue zu seiner vollen Pracht wächst. Daher sind Rentiere in der Tierwelt auch die Rekordhalter der am schnellsten wachsenden Geweihe – teilweise wachsen sie bis zu 3cm pro Tag! Damit das möglich ist, ist das Geweih während der Wachstumsphase mit einer dünne, aber stark durchbluteten Haut überzogen, die, wenn das Geweih ausgewachsen ist, abgestreift wird.
sowohl das Abstreifen der Haut als auch das Abwerfen des Geweihs ist für die Tiere ein natürlicher Prozess, kann aber trotzdem etwas befremdlich aussehen. Also nicht erschrecken 😉

Unser Scherzkeks Maito. An den offenen Stellen an seinem Kopf sieht man sehr deutlich, dass er erst kürzlich den Großteil seines Geweihs abgeworfen hat.

…Rentiere wild leben, aber jedes Tier einen Besitzer hat?

Kurz gesagt, sind alle Rentiere Finnlands semi-wild. Sie haben im Grunde alle Freiheiten eines Wildtieres, dürfen sich stets frei im ganzen Land bewegen und werden nicht gegen ihren Willen eingesperrt. Aber trotzdem hat jedes Rentier einen Besitzer, was letztendlich vor allem bedeutet, dass Rentiere juristisch betrachtet “Eigentum” sind und es deshalb verboten ist, sie in der Wildnis zu jagen.

Jetzt wird der ein oder andere einwerfen, dass doch bestimmt nicht alle Rentiere wild sind, da man doch genug eingezäunte Schlitten-Tiere sieht und etliche Touristen (wie wir schließlich auch) Schlittenfahrten machen. Aber auch diese Tiere sind semi-wild und streifen im Sommer durch Lappland. Lediglich im Winter kehren sie zu den Menschen und ihren “Besitzern” zurück, da sie ganz genau wissen, dass sie dort Futter bekommen, vor Fressfeinden geschützt sind und rundum gut versorgt werden. Dafür lassen sie sich dann auch ab und zu vor einen Schlitten spannen. Eine gut funktionierende Symbiose!

Vor allem im Winter haben die größten und schönsten Rentiere alle Hufe voll zu tun, Schlitten voller Touristen durch die Schneelandschaft zu ziehen.

…Rentiere Fressfeinde haben?

Wie im letzten Absatz schon erwähnt, haben auch Rentiere Fressfeinde. Neben den offensichtlichen großen Räubern wie Bären, Wölfen und Luchsen zählen aber auch der Steinadler und der Vielfraß (auch Bärenmarder genannt) zu den natürlichen Feinden. Vor allem letzterer ist dabei mit Abstand der Hinterlistigste. Obwohl der Vielfraß deutlich kleiner ist als ein Rentier, ist er trotzdem in der Lage, ausgewachsene Tiere zu töten. Das gelingt ihm vor allem, indem er sich aus dem Geäst eines Baumes auf ein vorbeilaufendes Rentier fallen lassen kann, um sich dann in dessen Kehle zu verbeißen und es dadurch letztendlich zu töten.

Nun kommt aber das Hässliche: Während Bären, Wölfe, Luchse und Steinadler in erster Linie Rentiere für Nahrung jagen und töten, tut ein Vielfraß es ebenfalls zu “sportlichen Zwecken”. Daher ist es leider schon vorgekommen, dass ein schlecht überwachtes Rentiergehege im Winter von nur einem einzigen Bärenmarder komplett ausradiert wurde.

Selbst mit beeindruckendem Geweih können sich Rentiere leider nicht vor allen Feinden schützen. Letztendlich sind sie nach wie vor Fluchttiere, die aber dafür beträchtliche Geschwindigkeiten erreichen können.

…Rentiere das zweitwärmste Fell im Tierreich haben?

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass die Spitzenreiter die Eisbären sind. (Irgendwie wenig überraschend…) Doch gleich hinterher sind Rentiere, die sich perfekt an die Lebensumstände und damit an Temperaturen und Klima jenseits des Polarkreises angepasst haben. Das besondere an Rentierfell ist nicht nur, dass es besonders dick ist, sondern vor allem, dass jedes einzelne Haar des dichten Fells innen hohl ist. So können Rentiere noch besser ihre Körperwärme speichern und sich gegen die eisige Kälte schützen.

Auch ihre Füße sind besonders auf Schnee und Kälte eingestellt. Zum einen stehen ihre Hufe (Rentiere sind Paarhufer) sehr weit auseinander, damit sie eine größere Auftrittsfläche haben und nicht so schnell im tiefen Schnee versinken. Zum anderen haben sie auch zwischen ihren Hufen dichtes Fell, das vor den niedrigen Temperaturen schützt und ihre Füßchen warm hält.

Rentiere sind einfach von Kopf bis Fuß für arktische Verhältnisse ausgerüstet und so wundert es auch gar nicht, dass sie sich erst ab Temperaturen von -20°C und weniger so richtig wohl fühlen. (Während unserer Schlittenfahrt hatten wir gerade mal -5°C und die Tiere waren regelrecht lethargisch, weil ihnen einfach viel zu warm war!)

Vor einer verschneiten Kota. Wenn es uns bereits viel zu kalt und frostig ist, gelangen Rentiere erst richtig in Fahrt!

…Rentiere jährlich gezählt und “reguliert” werden?

Jedes Jahr, wenn die neuen Kälber zur Welt gekommen sind, werden die Rentiere in ganz Finnland gezählt. Wie weiter oben schon angemerkt hat jedes Tier einen Besitzer. Und die neuen Kälbchen werden (bei der Zählung) den selben Besitzern zugeschrieben wie die zugehörigen Muttertiere. Um die Gesamtzahl der Tiere managen zu können, ist jedem Besitzer bzw. jeder Farm eine feste Anzahl an Tieren zugeschrieben. Stellt sich bei der Zählung heraus, dass durch den Nachwuchs die Obergrenze überschritten wurde, muss der Besitzer festlegen, welche Rentiere aus seiner Herde “entfernt” werden (…also der Fleischindustrie zugeführt und zu Nahrungsmittel verarbeitet werden.)

So gemein das im ersten Moment klingen mag, hat das ganze Prozedere tatsächlich einen tieferen Sinn: Da der Mensch die Fressfeinde der Rentiere in früheren Jahren stark reduziert hat und sie auch heute noch rar sind, konnten sich Rentiere fast ungehindert vermehren. Sehr zum Leidwesen der regionalen Pflanzenwelt. Rentiere ernähren sich vor allem von Moosen, Flechten, Beeren und Pilzen, doch gerade Moose und Flechten wachsen in Lappland nur sehr langsam und sind dadurch besonders gefährdet. Um es ein wenig ins Verhältnis zu setzen: Im Schnitt nimmt ein ausgewachsenes Tier bis zu 2 kg Nahrung pro Tag zu sich – viele Moos- und Flechtenarten in Lappland wachsen aber nur wenige Zentimeter pro Jahr.

Rentiere können selbst durch meterdicke Schneemassen noch Moose und andere fressbare Pflanzen riechen und sie mit ihren Hufen ausscharren.

…Rentiere durch Schnitte in den Ohren markiert werden?

Da Rentiere regelmäßig gezählt und ihren Besitzern zugeordnet werden, müssen sie natürlich auch irgendwie markiert werden. Allerdings sind Ohrmarken, wie wir sie in Mitteleuropa kennen, keine Option. Kunststoffmarken würden bei arktischen Minusgraden spröde werden und abfallen, während Metallmarken zu Erfrierungen und somit ernsthaften Verletzungen bei den Tieren führen könnten. Daher werden Rentiere durch Schnitte in ihren Ohren gekennzeichnet. Dabei werden die Ohrkanten mit einem scharfen Messer kurz angeschnitten, wie es schon die Samen viele Jahrhunderte lang getan haben. Dieser Prozess ist für die Tiere relativ harmlos, da die sauberen Schnitte schnell verheilen und sich kaum Entzündungen bilden können.

Jeder Rentierbesitzer und jede Rentierfarm hat ein bestimmtes “Schnittmuster” zugeteilt, sodass eine eindeutige Zuordnung jederzeit möglich ist. Dabei unterscheidet man vor allem an der Form des Schnitts und der Anzahl der Einkerbungen.

Bei genauem Hinsehen erkennt man bei diesem Tier die Ohrmarkierung in der linken Ohrkante.
Die Zeichen hinter dem Namen des Farmbesitzers ist die Transkription der Ohrmarken, die diesem Besitzer zugeordnet sind.
Falls ihr den Ausflug auch machen möchtet:
https://www.safartica.com/activity/evening-reindeer-safari/
(Diese Werbung ist nicht bezahlt. Ich kann diesen Ausflug aber mit bestem Gewissen weiterempfehlen, da es mir sehr gut gefallen hat.)

Tipp: Fragt nach Maito 😉

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