Spanien

Ritual von Finisterre

Bereits zu vorchristlichen Zeiten galt das Kap Finisterre (lat. “finis terrae” = dt. “Ende der Welt”) als westlichsten Punkt der damals bekannten Welt und hatte somit in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung. Die Kelten vollzogen auf der Halbinsel Riten zur Verehrung der Sonne und glaubten, dass hinter dem Horizont im Atlantik die Inseln des Totenreiches lagen. Somit wurde dem Kap damals nachgesagt, dass dies der Ort war, an dem Lebende den Toten am nähesten kommen konnten.

Aus diesem Glauben ergaben sich schließlich Traditionen und Bräuche, die selbst nach der Christianisierung der Region von den mittelalterlichen Pilgern übernommen und gepflegt wurden. Ein gewisses Ritual findet selbst heute noch bei manchen Pilgern Anwendung.

Das genannte Ritual verlangt, dass der Pilger nach seiner Reise im Meer badet, seine Kleidung am Kap zu verbrennt und anschließend von dort aus den Sonnenuntergang zu beobachtet. In der richtigen Reihenfolge wird gesagt, dass man zum nächsten Morgen als neuer Mensch wiedergeboren wird. Heutzutage verbrennt natürlich niemand mehr seine gesamte Kleidung, zumal es mittlerweile offiziell verboten ist, dort etwas zu verbrennen, doch einige wenige Pilger verbrennen zu symbolischen Zwecken und für besagtes Ritual immer noch einzelne Ausrüstungsstücke.

Ich selbst wollte mir diese Erfahrung nicht nehmen lassen und habe das Ritual ebenfalls durchgeführt. Zwar hat es etwas Überwindung gekostet, bei dem zu der Zeit nebligem und kühlem Wetter in den eisigen Atlantik einzutauchen, doch war der Abend dann umso entspannter. Ich habe lediglich ein geflochtenes Bändchen verbrannt, das ich schon seit Jahren am Fuß trug und das somit auch auf dem ganzen Jakobsweg dabei war, und dann gewartet, bis es dunkel wurde. Den Sonnenuntergang selbst konnte ich aufgrund der Wolken und Nebelschwaden leider nicht beobachten, doch ich glaube, das tat dem Ritual keinen Abbruch. Letztendlich ist hinter den Wolken trotzdem die Sonne im Meer verschwunden, nicht?

 

(Foto: Mein Ausblick vom Kap auf den westlichen Horizont. Und das letzte Foto von meinem Fußbändchen vor dem Verbrennen.)

 

(Foto: Ganz rechts im Bild sieht man Pilger auf einer benachbarten Klippe und eine erneut hereinwehende Nebelschwade.)

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