Frankreich

38. Etappe: Savières – Troyes

Gelaufen: 18,1 km (Gesamt: 756,2 km)

Der Abschied heute morgen war sehr herzlich. Madame Martine hat mir sehr ausgiebig alles Gute für meine weitere Reise und das Leben gewünscht und mich nochmal daran erinnert, unbedingt Le Cœur zu besuchen. Ihre Hündin wollte mich gar nicht gehen lassen. Sie hat sich ganze Zeit winselnd an meine Beine geschmiegt und jedes Mal kurz gebellt, sobald ich nur einen Schritt Richtung Gartentor gemacht habe. Selbst Madame Martine war von diesem Verhalten vollkommen überrascht und versicherte mir, dass der Hund das bisher bei noch keinem anderen Pilger gemacht hat. Am liebsten hätte ich den Hund ja mitgenommen, aber das war schließlich keine Option.

Noch in Savières passierte ich mal wieder ein Kriegsdenkmal und kam anschließend über einen schattigen Waldweg wieder an den mittlerweile gut bekannten Seine-Kanal.

Jedes noch so kleine Dorf in Frankreich hat anscheinend sein eigenes Kriegsdenkmal.
Einmal schnell die eigentliche Seine überquert, bevor es wieder zum Kanal ging.

Zurück am Kanal ging es genauso monoton weiter wie auch die letzten Tage. Lediglich die Vegetation war diesmal mehr auf meiner Seite und spendete ausreichend Schutz vor der sengenden Sonne. Hinzu kam gelegentlich etwas Abwechslung in der Umgebung. Während ich auf meiner linken Seite stets den Kanal hatte, ließ sich auf der rechten Seite immer mal wieder die Seine blicken. Und dort, wo die Seine zwischenzeitig außer Sichtweite war, überraschten mich einige Tiere. Die größte Überraschung bot da wohl ein Reh, das gleichauf mit mir parallel zum Weg durch die Büsche stapfte. Es schien gar nicht verschreckt oder hektisch. Und selbst als es plötzlich stehenblieb und mich anstarrte und ich es ihm gleichtat, wirkte es tiefenentspannt. Es war wie in einem Disneyfilm. Erst als ich vorsichtig mein Handy für ein Foto rausholen wollte, ist es davongallopiert. Schade um das Foto, aber trotzdem schön, dass ich diesen magischen Moment haben durfte.

Kanal zur Linken, die wechselhafte Seine zur Rechten.

Als wäre das Reh nicht schon genug Disney gewesen, kamen mir auf den nächsten Kilometern am Kanal plötzlich unzählige Libellen entgegen. Aber nicht die „Standard-Libellen“, die ich sonst aus Deutschland kenne, sondern leuchtend türkise Libellen mit schwarzen Flügeln, die im Sonnenlicht in Regenbogenfarben schimmerten. Also so übertrieben kitschig, dass die glatt einem Zeichentrickfilm entsprungen sein könnten. Selbstverständlich waren auch diese zu flott, um ein vernünftiges Foto schießen zu können, aber mittlerweile konnte mir nichts mehr die Laune verderben. Das Wetter war an diesem Tag angenehm, ich hatte tolle tierische Begleiter, einen Schlafplatz für die nächsten zwei Nächte sicher und morgen gönnte ich mir schon wieder einen Ruhetag um durchzuatmen und Energie zu tanken. Mein Körper hatte die Pause gar nicht so nötig, aber da Troyes angeblich so schön sein sollte und ich ja genau genommen keinen Zeitdruck hatte – warum also nicht?

Die älteste Metall-Brücke Frankreichs wurde zwischen 1846 und 1849 erbaut. Sie ist heute noch nutzbar und gilt in Frankreich als historisches Kulturerbe.

Die letzten Kilometer des Kanals boten noch ein kleines technisches Schmankerl: Der Jakobsweg führte geradewegs über die allererste in Frankreich errichtete Metallbrücke. Und da diese natürlich mit unzähligen Infotafeln über deren Bau und Geschichte bestückt war, habe ich mir selbstverständlich die Zeit genommen, mich zu informieren. Schließlich war es nicht Sinn des Jakobsweges (zumindest für mich nicht), einfach nur mit Scheuklappen vor sich hin zu laufen, sondern auch etwas seine Umgebung, das Land und die Leute kennenzulernen.

Nach diesem kurzen Bildungsausflug verabschiedete ich mich auch schon vom Kanal und der Weg setzte sich abseits vom Wasser fort. Und je näher ich Troyes kam, desto besser wurde meine Laune. Und schließlich realisierte ich, was mich – unter anderem – die letzten Tage immer etwas runtergezogen hatte: Es waren die vielen sozialen Kontakte in den Gastfamilien. Wer mich kennt weiß, dass ich ein introvertierter Mensch bin. Manchmal brauche ich einfach Zeit für mich. Jetzt würde der ein oder andere meinen, ich wäre doch den ganzen Tag schon alleine und hätte Zeit für mich. Der springende Punkt ist: Ich bin mit Laufen beschäftigt. Ich hätte manchmal gerne ein bisschen Zeit, ein Buch zu lesen, in Ruhe zu schreiben oder etwas zu zeichnen. Alles Dinge, die sich nicht mit dem Laufen vereinbaren lassen. Wenn ich in Gastfamilien bin, fände ich es aber auch unhöflich, mich ohne viel Konversation in mein Schneckenhaus zurückzuziehen. Schließlich wollen Gastfamilien bestimmt auch wissen, wen sie sich da ins Haus geholt haben. Umso mehr freute ich mich nun, dass ich die kommenden zwei Nächte quasi „anonym“ übernachtete und zu keinem sozialen Kontakt gezwungen werden konnte, auf den ich keine Lust hatte.

Der Weg vom Kanal weg war eigentlich genauso monoton wie der Weg am Kanal – nur ohne Wasser.

Schließlich erreichte ich nach einer Weile den Stadtrand von Troyes. Man konnte ihn auch gar nicht verfehlen, weil große bunte Plastikbuchstaben jeden – ob man wollte oder nicht – darauf hinwiesen, dass man auch wirklich in der richtigen Stadt gelandet war.

Auch wenn Design- und Farbwahl etwas fragwürdig sind, sollte hier auch wirklich jeder Zweifel beseitigt sein, wo man gelandet ist.

Doch Troyes war groß und wie viele Großstädte es so an sich hatten, musste ich mich erst einige Kilometer durch die Vorstadt kämpfen, was in Frankreich gar nicht mal so ungefährlich war. Nicht zum ersten Mal fiel mir auf, dass die meisten Franzosen ihren Führerschein von der Rückseite einer Cornflakes-Packung ausgeschnitten haben mussten. Denn selbst wenn man an einem Fußgänger-Übergang mit Ampel die Straße überqueren wollte, war das rote Licht für Autofahrer wohl eher eine Empfehlung. Anders konnte ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich in besagter Situation fast angefahren und vom Autofahrer noch aggressiv angehupt wurde. Um es in den Worten eines berühmten französischen Comichelden zu sagen: „Die spinnen, die Franzosen!“ (Oder so ählich.)

Ein generischer französischer Vorort. Doch anscheinend können auch hier Gefahren hinter jeder Ecke lauern…

Umso erfreute war ich schließlich, als ich die Vor- und Innenstadt und noch mehr Autos und Verkehrschaos hinter mir lassen konnte und endlich die Grenze zur Altstadt übertrat. Sofort fiel der Stress von mir ab und alles wirkte entschleunigt. Kleine verwinkelte Gassen, alte malerische Häuser wie direkt aus einem Fantasy-Roman, kaum Autos (und wenn, dann in Schritttempo) und schließlich lugte zwischen den alten Häusern die gewaltige Kathedrale hervor.

Durch die süßen kleinen Gassen der Altstadt führt der Jakobsweg in gerader Linie zur Kathedrale von Troyes.

Ich lag gut in der Zeit und hatte noch rund zwei Stunden, bis ich in meiner Unterkunft einchecken konnte. Daher nahm ich mir alle Zeit der Welt, die Kathedrale von außen und von innen zu bewundern und zu meiner Freude konnte ich mir sogar in der Kathedrale einen Stempel für meinen Pilgerpass geben lassen.

Die Kathedrale von Troyes ist in jeder Dimension faszinierend.

Nachdem ich noh eine Weile durch die Stadt geschlendert bin, mir endlich ein neues Netzteil für mein Ladekabel gekauft und mich zumindest oberflächlich in der Stadt umgeschaut habe – schließlich hatte ich morgen noch genug Zeit für Sightseeing – habe ich mich zu meiner Unterkunft begeben, die sich als verstecktes Juwel herausgestellt hat. Während das Gebäude von außen recht zwielichtig wirkte, war die Unterkunft top-modern und hatte sogar Blick auf die Kathedrale in der Ferne. Zudem stellte sich die Unterkunft als eine Art „Ferien-WG“ heraus. Quasi eine Ferienwohnung mit drei Zimmern, in der aber die Zimmer einzeln vermietet wurden. Ich hatte also den vollen Komfort einer Wohnung (Wohnzimmer, Küche, großes Bad), kam aber deutlich günstiger weg. Ein Zimmer blieb zudem unbelegt, während in dem anderen Derrik aus den Niederlanden übernachtete. Ein freundlicher, aufgeschlossener Kerl, der gerade mit seinem Fahrrad die gesamte Strecke von Madrid bis nach Hause fuhr. Wir waren also auf einem ähnlichen Level bekloppt.

Von der Wohnung aus konnte man die Dächer von Troyes überblicken und sogar die Kathedrale sehen.

Lediglich die Jagd nach meinem Abendessen war etwas frustrierend. Man könnte annehmen, dass es in einer Großstadt ein großes Angebot gäbe. Und da ich Heißhunger auf Bruschetta hatte, hielt ich meinen Wunsch für nicht zu abgehoben. Umso verstörender fand ich es, dass von den gefühlt 200 italienischen Restaurants in der Stadt kein einziges das bisschen Ciabatta mit Tomaten auf der Speisekarte hatte. Jakobsweg bedeutet wohl auch, Verzicht zu lernen…

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