Spanien

32. Etappe: O Pedrouzo – Santiago de Compostela

Gelaufen: 19 km (gesamt: 682 km)

Heute war der große Tag. Man begab sich auf den letzten Wegabschnitt, der einen letztendlich an das offizielle Ende der Pilgerreise führen sollte. Der Tag begann erneut mit gutem Wetter und sogar bevor wir die Herberge in O Pedrouzo verließen, gaben uns die bereits erwähnten Turigrinos (touristische Pilger) ein erneutes Gesprächsthema: Wir kamen morgens in die Eingangshalle und sahen tatsächlich unzählige Taschen, die nur darauf warteten, von einem Lieferdienst abgeholt und nach Santiago gekarrt zu werden. Aber ist das wirklich der Sinn der Sache? Kann man nicht wenigstens die letzten Kilometer vor dem Ende seine eigenen Lasten auf den Schultern tragen? Aber letztendlich muss es jeder für sich selbst entscheiden. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.

 

 

Doch selbstverständlich ließen wir uns von sowas nicht aus dem Konzept bringen. Hoch motiviert marschierten wir Kilometer für Kilometer und während die Landschaft sich nicht nennenswert von der an den Vortagen unterschied, waren es an dem Tag viel mehr die Menschen, die die letzte Etappe zu etwas besonderem machten. Es herrschte eine entspannte, aber prickelnd vorfreudige Stimmung. Man genoss erneut alle Kleinigkeiten wie das Wetter, Pflanzen, Tiere, machte immer wieder ausgedehnte Pausen und verkürzte sich die Laufzeit durch angeregte Gespräche, gemeinsames Singen und vor allem durch viel Lachen.

 

 

Die letzten Kilometer zogen sich aber am längsten. Man wurde zwar von einem bunt und willkürlich dekorierten Ortsschild begrüßt, an dem etliche Pilger Kleinigkeiten ihrer Ausrüstung zurückgelassen hatten, aber dennoch hatte man noch eine sehr lange Strecke durch die Stadt zurückzulegen, ehe man endlich die Altstadt erreichte. Und selbst in der Altstadt an sich, hatte man immer noch ein gutes Stück Weg zu bewältigen.

 

 

Doch schließlich sahen wir sie – die Kathedrale von Santiago de Compostela. Wir hatten es geschafft! Wir waren endlich am Ende des Jakobswegs angekommen. Erleichtert und glücklich traten wir auf den offenen Platz vor der Kirche, trafen prompt einige Pilger, die man in den letzten Wochen kennengelernt, aber auf dem Weg wieder verloren hatte und machten die obligatorischen Siegesfotos vor der Kathedrale. Mit einem lauten “Camino del norte!” gefolgt von unserem Kampfgeschrei, ließen wir nun auch alle anderen Menschen auf dem Platz wissen, dass wir angekommen waren.

 

 

Nachdem wir eine halbe Stunde auf dem Kathedralenplatz verbracht hatten, um durchzuatmen, die Ankunft ins Hirn sickern zu lassen und um sich noch einmal mit alten, bekannten Gesichtern auszutauachen, sind wir aufgebrochen, um uns eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Anschließend ging es auch schon ins Pilgerbüro, um sich die heiß ersehnte “Compostela” abzuholen. Man hatte zwar bereits alle Gruselmärchen von Massenabfertigung und stundenlanger Wartezeit gehört, aber letztendlich war die Realität halb so wild. Zwar erinnerte die Schlange und Atmosphäre tatsächlich eher an diverse deutsche Ämter, aber nach nur 20 Minuten waren wir dort auch schon wieder raus.

 

 

Am Abend genossen wir die letzten Stunden des Jakobsfestes, das insgesamt vom 14. bis zum 31. Juli in Santiago stattfand. (Der eigentliche “Jakobstag” ist der 25. Juli.) Die Altstadt war wunderschön dekoriert und letztendlich nahm das Fest kurz vor Mitternacht mit einem riesigen Feuerwerk sein spektakuläres Ende. Das ganze Schauspiel war schlichtweg atemberaubend und das war der bewegende Moment, in dem ich überhaupt erst anfing zu realisieren, was ich die letzten fünf Wochen eigentlich geleistet hatte, wie lange ich bereits unterwegs war und welch gravierende und prägende Erfahrung dieser Camino für mich und mein Leben war. (Die Tränen kamen da ganz von selbst.)

 

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